Wolfgang Windhausen

"Einer, der Verantwortung übernimmt"

Werkschau des Duderstädter Künstlers Wolfgang Windhausen

von Dirk Sager

Eichsfelder Heimatzeitschrift

erschienen in der Eichsfelder Heimatzeitschrift
Heft 4, 54. Jahrgang, vom April 2010

Die Sparkasse Duderstadt hatte am 4. März 2010 zur Eröffnung der Werkschau des Duderstädter Künstlers Wolfgang Windhausen geladen, dessen Werke (Fotos, Bücher, Grafiken) in der Kundenhalle in Duderstadt bis Ende des Monats zu besichtigen waren.
Die Einführung in die Werkschau und die Würdigung des Künstlers übernahm der ZDF Sonderkorrespondent Dirk Sager:

„Wir trafen uns, weil mich Angelegenheiten des P.E.N. zu Wolfgang Windhausen führten. Es ging um China. Ich war ein Anfänger und hatte meine Arbeit in dieser weltweiten Schriftsteller- organisation gerade aufgenommen. Und man riet mir, nach Duderstadt zu fahren.
Dort sei jemand ansässig, der die größte Erfahrung bei der Betreuung verfolgter Schriftsteller in China habe. Und seine besondere Neigung sei Tibet zugewandt. Der Mann aus Duderstadt habe den Überblick. Und nicht nur das, er sei in der Lage, mit Flyern und Plakaten, die er selbst entwerfe, auf die Verfolgten aufmerksam zu machen. So machte ich mich auf den Weg. So kam es zu unserer ersten Begegnung.
Ich war zuvor schon einmal in Duderstadt und hatte die gastliche Aufnahme der Sparkasse Duderstadt hier dankbar angenommen. Deshalb ein Wort zum Ort des Geschehens. Man kann sich auch kundig machen über die Stadt Duderstadt: dass sie einmal fast so groß wie Hamburg gewesen sei – als Hamburg noch ziemlich klein war, könnte man bösartig hinzufügen.

Dirk Sager

Dirk Sager, Vizepräsident des deutschen P.E.N.-Zentrums
Foto: Helmut Mecke

Man kann auch wissen, dass in Glanzzeiten des Handels die Kaufleute aus Duderstadt bis nach Nowgorod vordrangen. Die Stadt kenne ich aus anderer Perspektive. Damals war sie das russische Tor zum Westen. Und weiter durften die westlichen Handelsleute nicht reisen.
Doch selbst in Nowgorod wurden sie schlecht behandelt, weil die, die aus dem Westen kamen, den Russen als Ketzer galten. Dass die Duderstädter dennoch hinfuhren, um Handel treiben, beweist mehr den Mut und Tatendrang, denn der Weg dorthin über Stock und Stein war denkbar beschwerlich. Aber das alles liegt zurück.

Nun also sollte der China-Experte des deutschen P.E.N. seine Heimatstadt ausgerechnet in Duderstadt haben. So lernte ich, dass man, wenn man in dieses Kleinod einer mittelalterlichen Stadt gelangt, auf Menschen trifft, die die Weitläufigkeit der früheren Jahre bewahrt haben. Zuerst sprachen wir natürlich über China. Das war vor den Olympischen Spielen in Peking. Und Wolfgang Windhausen war dagegen, dass die eiserne Parteidiktatur das Fest des Sports für seine Propaganda missbraucht. Seinerzeit versprachen die Sportfunktionäre eine Besserung der Verhältnisse: China würde sich öffnen, mehr Pressefreiheit, weniger Repressionen. Im Nachhinein ist festzuhalten, dass Wolfgang Windhausen Recht behalten hat. Es gab keine Besserungen. Die Verfolgung von Schriftstellern dauert unvermindert an – unter zynischer Missachtung der Proteste aus dem Westen.

Nach und nach lernte ich den ganzen Kosmos dieses Weltbürgers kennen. Der Literat, der die Literatur liebt, was keineswegs eine Tautologie bedeutet, weil nicht beides immer zusammengehört. Der Dichter, der seine Worte im Steinbruch der Sprache herausmeißelt und zu schmerzvollen Gebilden fügt. Der Fotograf, der die Welt zu sehen lehrt. Natur und Menschen, immer wieder Menschen. Der Produzent schöner, bibliophiler Bücher, der Künstler als Freunde hat, deren Bilder sich an seine Gedichte schmiegen. Zurück lagen Reisen nach China und Tibet. Er wusste, wo in Lhasa das Gefängnis steht und welche verfolgten Schriftsteller dort eingekerkert sind, weil er weiß, wie die chinesische Zentralregierung die Minderheiten der Uiguren und Tibeter unterdrückt.
Den ganzen Kosmos des Wolfgang Windhausen finden wir auch in dieser Ausstellung. Denn er hält seine Notate nicht nur in Worten fest, sondern auch in Bildern. Und sein Objektiv findet die richtige Einstellung. Wir erleben Natur in ihrer Schönheit und Unschuld. Ein Blick auf den Seeburger See – und es ist so,als befinden wir uns im Garten von Claude Monet. Miniaturen, eine aufstrebende Distel, eine sich ins Licht reckende Hagebutte. Einsame Natur und dennoch tröstlich. Die Agonie des Untergangs – Bilder aus Ost-Berlin der Wendezeit.
Eine Hommage an den großen Dichter Pablo Neruda, aber auch die Verbeugung vor der Heimatstadt. Und immer wieder Tibet. Die Stadtlandschaft und ihre Menschen. Man spürt, sie sind verletzbar. Sie sind die Opfer. Ihre Stärke ist allein ihre Spiritualität. Es sind Bilder, die von einer Seele aufgesogen wurden. So wie in der Federzeichnung, der Windhausen den Titel 'einsam' gab. Dass Herzblut spürbar wird.
Wolfgang Windhausen

Wolfgang Windhausen
Foto: Helmut Mecke

Windhausen ist keiner, der im Elfenbeinturm der schönen Künste verharrt. Wir haben über Religiosität nie gesprochen. Er ist einer, für den das Wort des von den Nazis ermordeten Theologen Bonhoeffer gilt: für andere da sein. Für die Schwachen, für die, die Hilfe brauchen.
Er arbeitete ehrenamtlich in der Gefangenenfürsorge. Das habe ich selbst einmal getan und weiß, welche Momente des Glücks und vor allem der Hoffnung man hinter Gefängnismauern erzeugen kann – notwenig als Fundament für ein anderes, besseres Leben danach. Zwanzig Jahre war er bei 'amnesty international' tätig.
Und der Weltreisende, der keineswegs – wie unser Außenminister sagen würde – mit kurzen Hosen unterwegs ist, als Tourist, sondern einer, der neugierig ist, aber auch als Wissender reist. Denn es gilt die Devise: Man sieht nur, was man weiß. Damals lagen vor ihm die Reise nach Kaliningrad an die Kurische Nehrung. Und auf die Galapagos-Inseln wollte er noch. Dann kam er zum P.E.N. zum Komitee 'writers in prison', das sich um das Schicksal verfolgter Schriftsteller und Journalisten kümmert. Aber er bedrängte nicht nur die chinesische Regierung. Unbequem ist er auch hier. Die Zeitung notiert das: Mit einer Unterschriftenaktion bewahrt er eine kongolesische Familie vor der Ausweisung. Er nutzte eine P.E.N.-Tagung und konfrontierte die zuständige Behörde mit einer olympischen Liste der großen Schriftsteller. U. a. Johannes Mario Simmels Unterschrift mag die Beamten besonders beeindruckt haben.
Umtriebig und listig kann er auch sein, unser Held. Er ist Bürger, im Sinne des französischen Begriffs 'citoyen' (aufrechter Gang). Einer, der getrieben ist von Empathie, der sich in das Leid der Mitmenschen auf dieser Erde hineinversetzen kann. Und bei allem bleibt er ein Künstler. Gerade hat er uns wieder mit einem seiner wundervollen bibliophilen Werke beschenkt. 'Scherbenbild' ist der beziehungsreiche Titel. Windhausen ist keiner, der in Harmonie flüchtet, wenn das dissonante Lied vom Leid im Raum steht. Die namhaften Künstler, die die Graphiken beisteuerten, stammen aus Ost und West. Auch das ist bezeichnend für einen, der im einstigen Grenzland lebt und Grenzen nicht gelten lässt.

Auf der Graphik am Eingang des Buches, eine Darstellung Windhausens als Kutscher eines voll beladenen Wagens, beladen mit Beschwernis, aber wohl auch mit Freuden, auf diesem Bild rückt die Künstlerin Gerda Lepke eine Devise ein wie auf einem Banner: 'Malen, Schreiben, Freunde' und dann: 'Helfen', sie wiederholt das Wort 'Helfen'. Das ist die Summe seines Wirkens. Damit kein Zweifel aufkommt, das Wort 'Helfen' schließt die Niederlage ein. Niederlage gegenüber der gewalttätigen Arroganz der Macht.
'Wir schmecken die rauchige Luft der Vergesslichkeit'
heißt es in einem Gedicht.
Aber wie ein Freund von ihm sagt: Wolfgang Windhausen ist ein Mensch geblieben, der die Welt dennoch liebt, auch wenn er an ihr leidet…
Wolfgang Windhausen und Duderstadt: Er hat seiner Heimatstadt in diesem Band ein Gedicht gewidmet. Das beginnt

'letzter rest der abendsonne
zeichnet die silhouetten
der türme und dächer'.

Es endet mit den Worten:
'Duderstadt eine spröde Liebe'.

Diese Zeilen zu deuten, soll dem Dichter vorbehalten sein. Befragen Sie ihn heute Abend. Gemeinhin gilt der Satz, dass der Prophet im eigenen Land nichts gilt. Duderstadt beweist mit dieser Ausstellung, dass die Stadt sehr weiß, wie sie ihren bedeutenden Sohn würdigen kann.“

Anmerkung

Dirk Sager ist Sonderkorrespondent des ZDF, zählt zu den renommiertesten deutschen Fernsehjournalisten und ist Vizepräsident des P.E.N.-Zentrums Deutschland.